Stichwort: Motorschlitten Spitzbergen

Ergänzende Informationen zu den Seiten 428-430 im Spitzbergen-Handbuch, 9. Auflage (2009), zum Thema Motorschlitten in Spitzbergen. Verweise im nachfolgenden Text auf Buchseiten beziehen sich ebenfalls auf das Spitzbergen-Handbuch.

 

Vermietung

Motorschlitten können bisher auch von Individualreisenden gemietet und benutzt werden, allerdings nur unter den auf Seite 207/08 und 429 im Spitzbergen-Handbuch (9. Auflage)beschriebenen Bedingungen.

In Longyearbyen vermieten insbesondere Spitsbergen Safari AS und Svalbard Snøscooterutleie AS. Die Miete richtet sich nach der Motorstärke und Sitzzahl. Die PS beginnen bei ca. 40 und reichen bis über 110.

Für etwas größere Fahrten, bei denen für Reservekanister und Notausrüstung ein Anhängeschlitten benötigt wird, sollte man auch ohne Raserambitionen einen Schlitten um ca. 60 PS wählen. Auf alle Fälle sollte man mindestens zu zweit und mit mindestens zwei Motorschlitten fahren (jeder auf einem Schlitten - zu zweit auf einem Schlitten ist auch bei Zweisitzern nicht sehr angenehm) und für Notfälle mindestens einen Zweisitzer-Schlitten mit einem unbenutzten Rücksitz in der Gruppe haben. Eine höchst erfreuliche Nachricht im Sinne des Umweltschutzes ist, dass seit 2002 auch Motorschlitten mit Viertakt-Motoren auf Spitzbergen regulär verkauft und vermietet werden. Diese sind zwar teurer als ein kleiner Zweitakter-Motorschlitten, dafür aber nicht nur erheblich leiser und weniger Abgase produzierend, sondern auch im Verhältnis sehr benzinsparend (der Verbrauch ist gut die Hälfte eines gleich starken Zweitakters). Ein Zweitakter, für den jahrelange Erfahrung vorliegt, verbraucht auf 100 km ca. 20 bis 25 l Benzin sowie ca. 1 l Motorenöl - bei schwerer Zuglast oder extremen Schneebedingungen evtl. auch deutlich mehr. Die Reichweite des eingebauten Tanks (z.B. 30 l) ist also bald erreicht, ein Anhängeschlitten für Reservekanister und Notausrüstung erforderlich.
Mittlerweile sind die meisten Miet-Motorschlitten Viertakter.

Motorschlittenfahren ist eine teure Angelegenheit. Zur Miete des Fahrzeuges kommen die empfehlenswerte Zusatzversicherung gegen den Eigenanteil bei Schäden, Benzin (ca. NOK 8 pro l) und Motorenöl (nur Zwei-Takter), Spezialkleidung (anzuraten), Anhängeschlitten und ggf. die Miete von Zusatzkanistern (20 l) sowie die mitzuführende Sicherheitsausrüstung für Notfälle (Wettereinbruch, Havarie etc.). Trotz höherer Kosten ist im Hinblick auf Komfort und Sicherheit klar zu einem Motorschlitten pro Person zu raten. Damit kommt ein längerer Motorschlittentag ?komplett? auf ca. NOK 2.000 bis 2.500 pro Person, sofern man die nötige zusätzliche Sicherheitsausrüstung für Winter (Notbiwak, Waffe etc.) bereits hat. Ein billiges Vergnügen ist dies also nicht.

Die hohen Mietkosten liegen nicht zuletzt im Anschaffungspreis (ein neuer Motorschlitten kostet auf Spitzbergen ca. NOK 50.000 bis 120.000), der kurzen Saison und vor allem auch dem extrem hohen Verschleiß begründet: Kaum ein Motorschlitten übersteht mehr als 30.000 km in einigermaßen akzeptablem Zustand.

Aus Rücksicht auf die Umwelt sollten Sie nur Viertakter mieten, auch wenn es etwas mehr kostet (was sich beim Spritverbrauch allerdings weitgehend wieder amortisiert).

Ein Blick auf die Tabelle mit den tatsächlichen Auskühlungen durch den Wind (> Allgemeine Landeskunde, Klima, Seite 27 im Spitzbergen-Handbuch 9. Auflage) verdeutlicht, dass angesichts stundenlangen ruhigen Sitzens auf dem Schlitten bei einer Geschwindigkeit um 60 km/h auch an relativ milden Wintertagen durch den chill factor Auskühlungen auftreten, die -40C, im Extremfall auch wesentlich mehr, entsprechen. Spezielle Schutzkleidung, Anzug, Helm, Stiefel, Handschuhe etc., ist hier unumgänglich. Bei Reisen mit einem Veranstalter ist diese Ausrüstung teilweise im Preis enthalten, ansonsten muss sie bei den Händlern gemietet oder gekauft werden. Aus diesen vielen benötigten Ausrüstungsteilen und deren Preisen ergibt sich, dass eine Reise nach Spitzbergen zum Motorschlittenfahren nicht billig sein kann.

 

Smiley Wer einen Motorschlitten während der Hauptsaison (Ende März bis Anfang Mai) und dann gar am Wochenende mieten möchte, sollte sich frühzeitig darum kümmern, da nicht nur die Flüge, sondern auch die Schlitten zu diesen beliebtesten Terminen oft lange im Voraus ausgebucht sind. Angesichts der Kürze der Saison lohnt es sich für die Händler jedoch nicht, eine größere Zahl von Schlitten das übrige Jahr herumstehen zu haben.

 

Führerschein und Verkehrsregeln

Seit 2002 gibt es einen speziellen Motorschlitten-Führerschein, für Nicht-Norweger reicht auf Spitzbergen aber auch der Pkw-Führerschein. Im übrigen gilt die Straßenverkehrsordnung auch im Gelände. Höchstgeschwindigkeit im Ort: 30 km/h, im Gelände 80 km/h. Im Straßenverkehr müssen Motorschlitten allen anderen Fahrzeugen Vorfahrt gewähren.

Die leichte Handhabung verführt zu Selbstüberschätzung und Geschwindigkeitsrausch bei gleichzeitiger Unterschätzung der Geländetücken: beispielsweise eine im diffusen Licht übersehene Serie von Schneewehen, ein Graben im scheinbar gleichförmigen Hang oder ein im lockeren Tiefschnee verborgener Steinblock.

 

Auf vereisten Flächen und Straßen zeigt die Lenkung durch die beiden Skier vorne kaum Wirkung, da sie keinen Widerstand finden, während hinten die Kette den Schlitten geradeaus treibt.

Der Anfänger, der mit zunehmender Geschwindigkeit ein paar Runden in der Ebene des unteren Adventdalen gedreht hat, sich damit für einen erfahrenen Fahrer hält und sich eine schwere Tour aussucht, wird eventuell ins Schwitzen kommen, wenn er z.B. plötzlich in der Querung eines Uferhanges steckt, wo sich hinten beim Gasgeben die Kette in die Tiefe wühlt und vorn die lenkenden Skier langsam abwärts in Richtung Abgrund rutschen.

 

In den letzten Jahren gab es auch schwere Unfälle mit Motorschlitten: Ein Tourist befuhr einen Gletscher in einer spaltenreichen Zone und brach in eine Spalte ein. Nach einer dramatischen Rettungsaktion starb er im Krankenhaus. Zwei erfahrene einheimische Fahrer brachen mit ihrem Motorschlitten an einer der als unsicher bekannten Stellen im Tempelfjorden durchs Eis und ertranken.

 

Spezielle Geländeprobleme

• Auch mitten im Winter gibt es offene Stellen oder unsicheres Eis auf den Fjorden oder auch im Inland, insbesondere in der Nähe von Gletschern, sowie im Schnee sich zu tückischem Schlamm stauendes Schmelzwasser nach Tauperioden oder winterlichem Regen [O 0216].

• Lockerer Schnee (Verwehungen, Neuschnee, lockere Eiskristalle unter der Schneeoberfläche) lässt die Kette sich eingraben, sogar in ebenem Gelände, insbesondere aber beim Start oder an Hängen. Gelegentlich reichen drei Mann kaum aus, um einen festgefahrenen Schlitten mit leichtem Gasgeben und Schieben einen tückischen Schneehang hinaufzuschieben [O 0217].

• Auf vereistem Grund finden weder Lenkski noch Kette genügend Haftung, sodass sich der Schlitten selbst mit zusätzlicher Beinarbeit kaum steuern lässt und auch hinten rutscht [O 0218].

• Auf von der Neuschneelast tiefer gedrücktes Fjordeis fließt durch Risse Meerwasser und bildet mit dem Schnee eine dünnflüssige Matschschicht unter dem darüberliegenden trockenen Schnee. Nach einem Halt ist es oft nahezu unmöglich, den Schlitten in dem rutschigen Matsch wieder in Fahrt zu bringen.

• Gletscherspalten sind zwar im Winter überwiegend sicher mit dicken Treibschneemengen verschlossen, gröere Spalten stellen aber weiterhin eine Gefahr dar, insbesondere bei Befahren des Gletschers in Richtung des Spaltenverlaufes. Hier hilft nur das Einhalten als sicher bekannter Routen oder eigene Ortskenntnis, etwa von Sommertouren [O 0219].

• Schneewehen erreichen teilweise eine Höhe von mehreren Metern und bilden unerwartete Sprungschanzen [O 0220]. Als Motorschlittenrouten beliebte breite Bachschluchten sind teilweise meterhoch mit Schnee gefüllt, in die der Wind beispielsweise an Felsnasen jedoch Vertiefungen einfräsen kann - tückische Fallen für zu schnelle oder unaufmerksame Fahrer. Auch auf Gletschern finden sich teilweise riesige solcher windgeformter Löcher.

• ?White-out-Bedingungen?, bei denen durch Nebel und Schneetreiben Himmel und Boden zu einer einheitlichen weien Wand verschwimmen, in der man selbst einen Meter vor dem Schlitten bei langsamster Fahrt keine Konturen mehr erkennt und schon gar keine Orientierungspunkte in der verschwundenen Landschaft, können sehr rasch auftreten und sind keineswegs unwahrscheinliche Ausnahmen [O 0221]. Ein Notbiwak wird unter solchen Bedingungen eine durchaus realistische Alternative, selbst mit GPS, das ja ebenfalls keine Information über die unsichtbar gewordenen Geländegefahren gibt.

 

Das leichte und schnelle Vorankommen mit dem Motorschlitten darf auch ansonsten nicht zu Leichtsinn verführen: Für die in einer halben Stunde bei normaler Tourengeschwindigkeit auf dem Motorschlitten zurückgelegte Strecke braucht man zu Fuß im Schnee einen ganzen Tag - als trainierter Wanderer, was auf viele Schlittenfahrer nicht zutrifft. Fällt dort draußen der Schlitten aus oder zwingt plötzlich aufziehendes Schlechtwetter zum Halten, ist man in der Regel weit von jeglicher Hilfe entfernt und kann nicht immer mit anderen vorbeikommenden Fahrern rechnen.

Gerade Touristen unterschätzen diese Risiken, und regelmäßig hört man von zufällig gefundenen, hilflos neben einem Schlitten kauernden Reisenden, die sich mit einem einzigen Fahrzeug zu zweit oder gar zu dritt (mit Anhänger) leichtsinnig hinauswagten, keinerlei Notausrüstung mitführten und völlig überfordert waren, als plötzlich das schöne Wetter endete oder das Fahrzeug versagte.

Ein GPS (global positioning system) hilft in solchen Situationen nur, wenn man damit gut umgehen kann (und genügend Batteriekapazität hat), und zweitens nur als sehr grobe Orientierung: Bei Landkarten im (bestenfalls) Maßstab 1:100.000 und einer künstlich verursachten GPS-Missweisung von bis zu 50 m lässt sich im Gelände die eigene Position nur auf ca. 100 m genau bestimmen - viel Platz für auf der Karte nicht verzeichnete Abstürze, Felswände, Wasserstellen, unsicheres Fjordeis, usw., die sich im völlig einheitlichen Weiß rundum nicht erkennen lassen. Die künstliche Orientierungshilfe eines GPS ist dabei trügerisch: Es zeigt keinerlei Tücken des Geländes an. Selbst mit GPS ist daher ein Notbiwak eine Möglichkeit, auf die man vorbereitet sein sollte - einschließlich Ausrüstung.

 

Sicherheitsregeln

• Sich niemals allein auf längere Touren begeben, sondern stets mit mehreren Schlitten, die jeweils nur mit einem Fahrer besetzt sind, aber zwei Sitzplätze haben für den Notfall.

• Auf Touren stets die komplette Notausrüstung (sturmsicheres Zelt, Winterschlafsack, zusätzliche Thermokleidung, Isomatte, Notration, Gewehr, Signalpistole, Verbandszeug, Werkzeug, Ersatzkeilriemen, Karten, Kompass) mitnehmen, auf große Touren eventuell Kocher, Rucksack, Skier, Notsignalsender.

• Vollständige Schutzkleidung (Helm, Schutzanzug, warme Stiefel und Handschuhe) mitnehmen, die auch bei einsetzendem Schneesturm oder Kälteeinbruch ein Weiterfahren gestattet, solange die Sicht reicht.

• Vor der Tour nach Gefahrenbereichen (unsichere Fjordeisbereiche, offenes Wasser im Inland, gefährliche Spaltenzonen auf Gletschern, sogar auf dem Longyearbreen) erkundigen. Außerhalb des Isfjorden sind solche Problemstellen auch Einheimischen kaum bekannt. Da hilft nur eigene Vorsicht oder Zurückhaltung, vor allem nach stärkerem Neuschneefall, der Gefahrenstellen verdeckt.

• Möglichst auf üblichen Routen bleiben. Für das Nordenskiöldlandet sind diese auf der Karte 1:200.000 (> Literatur) verzeichnet, aber das bedeutet nicht, dass die Routen leicht zu befahren sind! So sind Touren zur Ostküste oder zum Bellsundet auch per Motorschlitten schon ernsthafte Unternehmungen, vor denen man Erfahrung gesammelt haben sollte. Sie erfordern teilweise erheblichen Krafteinsatz im Umgang mit dem Schlitten (Festfahren in lockerem Schnee) oder sind zeitweise nicht machbar.

• Schlitten vor der Fahrt sorgfältig überprüfen und genug Benzin und Motorenöl (Zweitakter) mitnehmen.

• Genaue Tourenbeschreibung (Route, Zeitplanung, Teilnehmer) beim Sysselmann genehmigen und registrieren lassen - und hinterher zurückmelden, um unnötige Suchaktion zu verhindern !

 

Motorschlitten sind auf Spitzbergens wegloser winterlicher Wildnis ein praktisches Verkehrsmittel, das auch Spaß bringen kann. Begrenzt wird diese Freude allerdings durch den verschwenderischen Benzinverbrauch (besonders der Zweitakter) mit entsprechend aufdringlichen Abgasen und durch den durchdringenden rasenmäherartigen Motorenlärm. Bei Kälte oder schlechter Sicht ist das stundenlange Fahren auf großen Touren nicht immer die reine Freude, und auch sonst sollte man den lauten Schlitten immer wieder abstellen, sich auf eigenen Füßen bewegen und die Stille der weßen Winterpracht genießen. Für Motorschlittenfahren als vorwiegend sportlichem Selbstzweck ist die Arktis eigentlich zu schade.

 

Mit Veranstalter: Einzelne Angebote sind über die Spitzbergen-Spezialisten buchbar. Achten Sie genau auf den Leistungsumfang. Sehr empfehlenswert ist, pro Person einen Schlitten zu mieten, auch wenn dies etwas mehr kostet. Eine Woche mit Flug ab/bis Tromsø ab ca. € 1.900. In Longyearbyen lassen sich auch organisierte Tagestouren mit Motorschlitten buchen. Hierbei sollten Sie allerdings auf die maximale Teilnehmerzahl achten: Schon mit mehr als nur 10 Teilnehmern wird dies leicht zu einem wenig romantischen Kolonnenfahren in einer in der ansonsten so sauberen Luft deutlich wahrnehmbaren Abgaswolke, die Obergrenze für solche Gruppen liegt bei 25 Teilnehmern. Hier sind Arrangements für kleine Gruppen, auch wenn vielleicht teurer, klar von Vorteil.

 

Ohne Veranstalter: Möglich, aber nur bei bereits vorhandener praktischer Erfahrung (z.B. von früherer Tour mit Veranstalter) anzuraten. Bitte Sicherheitsregeln strikt beachten und möglichst auf den üblichen Routen bleiben, auch dort ist immer noch genug Einsamkeit zu finden! Motorschlittenfahrten auf eigene Faust sind nur in dem hierfür freigegebenen Bereich (> Karte S. 207, Spitzbergen Handbuch 9. Auflage) erlaubt.


Letzte Änderung: 12.09.2009