Schußwaffen (Eisbärensicherung)

Ergänzende Informationen zu den Seiten 239-241 im Spitzbergen-Handbuch, 9. Auflage (2009), zum Thema Schußwaffen zur Absicherung gegen Eisbär-Angriffe in Spitzbergen. Verweise im nachfolgenden Text auf Buchseiten beziehen sich ebenfalls auf das Spitzbergen-Handbuch.

 

Dieses Kapitel ist für Teilnehmer einer Veranstalterreise vielleicht auch interessant, aber in aller Regel ohne praktische Bedeutung, denn in ihrem Falle kümmern sich der Veranstalter und seine Tourenbegleiter um die Waffen. Da dieses Buch jedoch auch von einzelnen Leuten gelesen wird, die eine Spitzbergenexpedition auf eigene Faust erwägen, gehe ich ausführlicher auf dieses Thema ein, da es für sie von großer Relevanz ist.

Mag das Bisherige Lapplandexperten kaum Neues hinsichtlich der Ausrüstung geboten haben, so sind Informationen zu Schusswaffen wohl nur für die wenigsten Leser ein ?alter Hut?, denn hierin unterscheidet sich eine Spitzbergenreise wesentlich von Fahrten in andere wilde Gegenden Europas.

Was zunächst klargestellt sein muss: Dies ist kein Jagdbuch, und ich bin kein Jäger. Der gezielte Schuss auf einen Eisbären in Notwehr ist eine Notlösung, wenn andere Auswege nicht mehr erfolgversprechend scheinen oder gescheitert sind oder wenn in einer Überraschungssituation aus nächster Distanz zur eigenen Sicherheit Verteidigung erforderlich scheint. Wer Spitzbergen und die Arktis bereist, hat sich bereits für ein kleines Grundrisiko eines Konflikts mit einem Eisbären selbst unter allen Vorsichtsmaßnahmen entschieden, genau wie man ein Grundrisiko akzeptiert, wenn man sich in den Straßenverkehr begibt.

Es muss aber das Anliegen eines jeden Besuchers sein, dieses Restrisiko durch eigene Vorsichtsmaßnahmen möglichst für beide Seiten - den Bären und sich selbst - gering zu halten. Hierzu gehören leider immer wieder ignorierte Vorbeugemaßnahmen, wie z.B. in Gebieten mit häufigem Auftreten von Eisbären (Süden, Norden, Osten Spitzbergens) möglichst nicht am Strand zu zelten, Eisbären nicht durch offen herumliegende Nahrungsmittel und Müll mit entsprechend starkem Geruch anzulocken und in solchen Gebieten durch Wachehalten einen Bären schon aus größerer Distanz zu entdecken, um Abschreckmaßnahmen frühzeitig ergreifen zu können, denn etliche Unfälle passieren, weil der Bär den Menschen, oder umgekehrt, zu spät bemerkt und damit eine überraschende Bedrohungssituation entsteht, die Bär oder Mensch zum Angriff veranlasst.

 

Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört auch, über Abschreckmittel zu verfügen, die den gezielten Verteidigungsschuss unnötig machen: Alarmanlagen ums Camp, Warnschüsse, Schüsse mit der Signalpistole, Lärmmachen mit geeigneten Gegenständen, die eigene Stimme.

Wenn aber dies alles nichts mehr nützt oder bei einem unerwarteten Angriff keine Zeit mehr für Abschreckversuche bleibt, dann geht es ums eigene Überleben, und alles reduziert sich auf die einfach-brutale Frage: Wie kann der Bär möglichst schnell gestoppt werden? Wenn es so weit kommt, dass nur noch der gezielte Schuss auf den Bären bleibt, weil selbst ein Treffer mit der Signalpistole (auch bereits gefährlich für das Tier) einen Angriff nicht stoppt, dann geht es ums Töten. Ein Treffer mit einer Gewehrkugel, der einen Bären und damit evtl. mehrere hundert Kilo Körpermasse im Angriff auf wenigen Metern entsprechend abrupt stoppen soll, bedeutet für das Tier eine tödliche Verletzung, an der es früher oder später stirbt.

Unter diesen Bedingungen ist ein schneller Tod des Bären für beide Seiten besser: Der Bär leidet weniger, und der Mensch reduziert das Risiko, von einem tödlich verletzten Tier noch überrannt und erschlagen zu werden. Hier geht es nicht um Heldentum und Rambos, sondern vor allem um Effizienz, und entsprechend klar und deutlich sind die nächsten Passagen formuliert.

Ich bin froh, dass ich mich für meine vielen Reisen auf Spitzbergen mit diesen Fragen eingehend beschäftigt habe und nicht zuletzt deshalb bei meiner bisher brenzligsten Eisbärenbegegnungen (> Im Spitzbergen-Handbuch: Kapitel Reise-Infos von A bis Z, Eisbärenrisiko) sicher und halb automatisch reagieren konnte, sodass weder der Bär noch Teilnehmer zu körperlichem Schaden kamen. Nach meiner Überzeugung sind jene sowohl gefährdeter als auch gefährlicher, die sich mit dem Thema Notwehr nur oberflächlich und unehrlich auseinandersetzen, als diejenigen, die sich seriös vorbereiten und aus dieser inneren Sicherheit heraus angemessen handeln.

Es ist durchaus möglich, dass sowohl die drei letzten Toten und die drei Schwerverletzten als auch die dabei nachträglich geschossenen drei Eisbären der vier jüngeren Zusammenstö?e (> Im Spitzbergen-Handbuch: Reise-Infos von A bis Z, Eisbärenrisiko) alle oder zumindest überwiegend noch am Leben wären, wenn sich diese Menschen vorher auf solche Konfrontationen vorbereitet, entsprechend ausgerüstet und aufgrund solcher Vorbereitung richtig verhalten hätten, wobei es hier nicht um nachträgliche Haarspalterei und Besserwissen geht; dafür war in allen Fällen viel zu viel Leichtsinn und Realitätsferne im Spiel.

Sich vor der seriösen Vorbereitung zu drücken und andererseits ohne bewaffnete Begleitung ins Gelände zu gehen, ist kein Zeichen von Tierliebe, sondern von Verantwortungslosigkeit - auch gegenüber dem Eisbären. Eine Schusswaffe für Spitzbergen bedeutet ein großkalibriges, mehrschüssiges Gewehr. Über Twens mit zu viel Karl-May-Lektüre, die stolz ihr Rambomesser als Schutz gegen einen Eisbären vorzeigen, kann man nur bestürzt sein.

Die folgenden rechtlichen Aussagen beziehen sich auf Deutschland. Das Waffenrecht ist dort zwar Bundesrecht, die Auslegung liegt jedoch bei den örtlichen Behörden (Ordnungsamt, Bezirksamtin Stadtstaaten) und erfolgt erstaunlich willkürlich. So gestattete die Frankfurter Behörde in einem mir bekannten Fall lediglich eine im Prinzip ungeeignete doppelläufige Flinte, die Kölner Behörde verweigerte einem Spitzbergenreisenden die Genehmigung völlig. Ganz anders zwei Ämter in Bayern bzw. Baden-Württemberg: Hier wurden an Spitzbergenreisende gleich unbefristete Genehmigungen für einen Halbautomaten bzw. eine fünfschüssige Pumpflinte erteilt. Das üblichste sind offenbar befristete Genehmigungen, natürlich erst nach Überwindung der verschiedenen anderen Hürden (Sachkundenachweis etc.). Die Schweiz mit ihrer langen demokratischen Tradition hat ein wesentlich liberaleres Waffenrecht, Österreich liegt ungefähr dazwischen.

Eine Schusswaffe für Spitzbergen muss insbesondere folgende Eigenschaften aufweisen:
robust
und funktionssicher, ausreichendes Kaliber, mehrschüssig.

 

Kaliber

Das Kaliber einer Waffe (bzw. einer Munition) sagt vereinfacht etwas aus über den Durchmesser der Geschosse und die Bewegungsenergie, die dem Geschoss beim Abfeuern mitgegeben wird. Für die Bezeichnung der Kaliber gibt es keine einheitliche Systematik, viele Bezeichnungen haben historische Gründe. Aber entsprechend ihrer zentralen Bedeutung findet sich in den meisten Kaliberangaben ein Wert für den Geschossdurchmesser (in Millimetern oder Zoll) und oft für die Hülsenlänge als (eher vages) Indiz für die Ladung (und damit die Energie). Beispiele mit Millimetern: 7,62 x 51; 8 x 57; 9,3 x 62. Beispiele mit Zoll: .308 (7,62 mm), .375, .404, .444, .458 oder .480.

Ebenso vereinfacht lässt sich gerade bei den für Notwehr typischen sehr kurzen Distanzen sagen, dass ein Kaliber bei der Abwehr eines Angriffs umso wirksamer ist, je größer der Durchmesser des Geschosses und je höher dessen Energie ist. Ein großer Durchmesser ergibt eine große Aufschlagfläche auf dem Körper, erzeugt ein entsprechend großes Loch und sorgt gleichzeitig durch die große Fläche dafür, dass viel Energie auf und in den Tierkörper abgegeben und entsprechend viel Schaden angerichtet wird. Gleichzeitig wird das angreifende Tier wie mit einem starken Schlag getroffen und die Angriffsbewegung möglichst gestoppt. Ein dickeres Geschoss ist normalerweise auch schwerer und damit träger, lässt sich also beim Aufschlag auf harte Hindernisse (z.B. Knochen) nicht so leicht ablenken, sondern dringt eher ein.

Die dem Geschoss mitgegebene Energie bedingt, wie tief es bei einem bestimmten Durchmesser in einen Körper eindringt, welche Dicke von harten Teilen (Knochen) es durchschlägt, welchen Schaden es beim Eindringen in den Körper anrichten und welche Stoppwirkung es erreichen kann. Durchmesser und Energie sollten je nach Zweck in einem bestimmten, günstigen Verhältnis stehen: So könnte ein kleines, aber sehr energiereiches Geschoss einen großen Körper glatt durchschlagen und dabei nur ein kleines Loch und wenig Schaden erzeugen, wenn es auf keine harten Teile trifft und ein guter Teil seiner Energie stattdessen für den Weiterflug jenseits des Körpers verpufft.

Theoretisch kann man einen Eisbären mit fast jedem Kaliber erlegen, wenn man ihn genau richtig trifft: aus der richtigen Richtung im genau richtigen Winkel aus kurzer Distanz auf genau die richtige kleine Stelle, also entweder unter Schießstandbedingungen auf Pappscheiben oder mit unverschämt viel Glück. Zu solch kontrollierten Abschußbedingungen zählen auch Sachverhalte wie etwa die Bärenjagd mit Pfeil und Bogen oder Armbrust - hierbei ist zu berücksichtigen, daß es sich dabei erstens um (hoffentlich) Profis mit entsprechender Übung handelt, und zweitens um jagdliche Situationen, wo der Jäger dem Tier so auflauert, daß er es unter günstigen Bedingungen (für das Tier überraschend statt im Angriff, sorgfältiger Schuß aus der richtigen Richtung, passender Abstand, etc.) erlegen kann. Dass die Praxis einer Notwehrsituation anders aussieht, hat der Eisbärenangriff im August 1995 auf der Kiepertøya drastisch bewiesen (> Spitzbergen-Handbuch, Kapitel Reise-Infos von A bis Z, Eisbärenrisiko), wo vier, fünf Pistolentreffer (davon drei in den Kopf) den Bären noch nicht einmal ernsthaft verletzten.

Der Eisbär gehört zu den größten Landtieren der Erde überhaupt, und es sollte ein wenig zu denken geben, dass die große Mehrzahl professioneller Jäger, die sicher nicht die schlechtesten Schützen sind, Großwild üblicherweise selbst unter relativ kontrollierten Bedingungen (Ansitz, Auflage für Gewehr, sichere Distanz, Erfahrung, Ruhe) mit möglichst dicken und energiereichen Kalibern zur Strecke bringen und nach einem deutlich guten Treffer gern noch ein zweites Mal schießen.

In einer Angriffssituation aus kürzester Distanz, mit unter Umständen ungünstiger Schussposition, Aufregung und minimaler Zeit sowie einer gewaltigen, auf den Schützen zustürmenden Masse gewinnt die Kombination aus großem Geschossdurchmesser und viel Energie noch an Bedeutung, da sie alle genannten Negativfaktoren ausgleichen muss. Umso überraschender ist es, welche Kaliber man dann bei Leuten in Spitzbergens Wildnis gelegentlich entdeckt.

Amtlicherseits gilt die Richtlinie: mindestens Kaliber .308, also eine nur 7,62 mm durchmessende Kugel. Gewehrmunition im Kaliber .308 hat eine Anfangsenergie von ca. 3.200 bis 4.400 Joule bzw. im gleich dicken Kaliber .30-06 von 3.200 bis 4.300 Joule. Dies wird die Mehrzahl der Großwildjäger wirklich als Untergrenze ansehen, und selbst ein heimischer Jäger, der im Unterholz ?nur? ein verletztes Wildschwein sucht und mit einem plötzlichen Angriff rechnen muss, würde oft lieber ein stärkeres Kaliber verwenden.

Zweckmäßig gegen Eisbären (und in Spitzbergen gefordert) ist entweder eine Büchse in einem Großkaliber über .308 oder eine Flinte mit Flintenlaufgeschossen, Kaliber 12/70 oder 12/76 (Magnum).

Zum Vergleich einige ?richtige? Büchsen-Großwildkaliber (Büchse: spiralförmige Züge und Felder im Lauf geben dem Geschoss einen Drall (Rotation), wodurch die Trefferpräzision erheblich steigt): 8 x 68 (ca. 5.600 Joule), 9,3 x 62 (ca. 6.000 Joule), .375 H&H Magnum (9,3 mm, ca. 5.300 bis 6.100 Joule), .404 Rimless (10 mm, ca. 6.400 Joule), .444 Marlin (10,98 mm, 3.999 Joule) und .458 Winchester Magnum (11,33 mm, 6.100 bis 6.700 Joule). Alle diese Großwildkaliber haben also sowohl größere und damit effektivere Geschossdurchmesser als auch stärkere und damit wirksamere Ladungen und eignen sich entsprechend besser zur Abwehr eines Eisbären aus nächster Entfernung, als das als Minimum genannte Kaliber .308.

Allerdings ist bei den stärksten Kalibern der Rückstoß ein Problem, der diese Kaliber insbesondere für schwächere und weniger geübte Schützen zumal in Hektik und ungünstiger Haltung schwerer beherrschbar macht, und meist ist auch die Magazinkapazität der großkalibrigsten Waffen auf drei bis vier Schuss begrenzt. Ich selbst verwende als stärkstes Kaliber .444 Marlin, mit dem ich hinsichtlich des Rückstoßes keine Probleme sehe.

Bei Faustfeuerwaffen, also Pistolen und Revolvern, ist die in einer Patrone "unterbringbare" Energie durch den dadurch verursachten Rückstoß begrenzt, da diese leichteren Waffen wesentlich stärker zurück- und hochschlagen als ein längeres und schwereres Gewehr, und auch die Visierlinie längs des Laufes ist erheblich kürzer. Entsprechend erfordert sicheres Schießen mit diesen Faustfeuerwaffen wesentlich mehr Training.
Faustfeuerwaffen sind zur Verteidigung gegen Eisbären weniger geeignet als großkalibrige Gewehre. Revolver mögen sich als Waffe für Leute eignen, die bei der Arbeit nur ausnahmsweise und kurz ins Gelände kommen (z.B. Hubschrauberpiloten), sind aber für längere Touren kein ausreichender Sicherheitsfaktor. Wenn überhaupt ein Revolver, dann mindestens im Kaliber .454 Casull, das hinsichtlich Energie an eine Gewehrpatrone .308 fast herankommt - preislich liegt man dann aber um € 1.000 und der Rückschlag erfordert ziemlich kräftige Hände. Dazu kommt die Frage der Einfuhrgenehmigung und Schießstände zum Üben zu Hause für ein so kräftiges Revolverkaliber sind auch dünn gesät.

Faustfeuerwaffen werden von den Behörden in Spitzbergen nur in Ausnahmefällen als Notwehrwaffe gegen Eisbären akzeptiert, in der Regel kann der Spitzbergenreisende diese Waffengruppe daher vergessen.

Flinten haben im Gegensatz zu Büchsen normalerweise einen glatten Lauf, geben den Geschossen also keinen oder nur wenig Drall. Ihre Kaliberbezeichnungen geben üblicherweise an, wie viele Kugeln mit dem Durchmesser des Laufes sich aus einem engl. Pfund Blei gießen lassen.
Je kleiner die Zahl (z.B. 20, 16, 12, 10), desto größer der Durchmesser der Kugeln. Hinzu kommt die Länge der Hülse in mm: 67,5, 70, 76 (Magnum). Das stärkste verbreitete Kaliber ist Kaliber 12 mit ca. 18 mm Laufdurchmesser (für das noch stärkere Kaliber 10 gibt es kaum Waffenmodelle und kaum Munition).

Üblicherweise wird mit Flinten Schrot verschossen, d.h. eine Patronenhülse enthält viele kleinere Kügelchen mit je 2 bis 9 mm Stärke, die als Garbe Richtung Ziel fliegen und durch diese Streuung einerseits die geringere Präzision ausgleichen, andererseits gerade bei bewegten Zielen (Vogeljagd) die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhen und durch mehrere gleichzeitige Treffer kleineren Tieren einen tödlichen Schock versetzen. Von den Schrotarten eignet sich gegen einen Eisbären bestenfalls der allergröbste mit entsprechend wenigen, aber dicken Kugeln in einer Patrone. Wesentlich wirksamer gegen große Tiere sind für Flinten sogenannte Flintenlaufgeschosse (engl.: slugs) im Kaliber 12, also ein einziges ca. 18 mm durchmessendes Geschoss, ca. 28 bis 39 g schwer. Der gewaltige Durchmesser garantiert, dass die Energie des Geschosses (auf kurze Distanz knapp dieselbe wie beim Büchsenkaliber .308) sich voll im Tierkörper entfaltet und eine entsprechende Stoppwirkung erzielt. Da die Waffen in Notwehr ausschließlich auf kürzeste Distanz eingesetzt werden, spielen die etwas geringere Trefferpräzision gegenüber einer Büchse und der höhere Luftwiderstand der Geschosse keine nennenswerte Rolle. Kaliber 12/76 hat eine etwas energiereichere Pulverladung und erfordert Flinten, die für diese Magnum-Munition zugelassen sind. Es ist hierbei zu erproben, welche Munition mit der Flinte harmoniert, da manche Kombinationen von Flintenmodell und Munitionshersteller anfällig für fest klemmende Hülsen sind - aus diesem Grunde verwende ich keine Magnum Patronen in unseren Pumpflinten.

 

Gewehrtypen

Bei den Gewehrtypen kommt es wesentlich auf den Verwendungszweck an. Ein Forscher mit Basis in einer Hütte oder einem geräumigen Zelt, ein Segler oder Motorbootfahrer, der eine Waffe an Bord oder für kleine Landgänge benötigt, hat die breiteste Auswahl, da für ihn Gewicht und Länge der Waffe eine geringere Rolle spielen als für den Trekkingtouristen, der damit auch in einem engen Tunnelzelt notfalls schnell hantieren muss.

Wichtig neben dem bereits erläuterten starken Kaliber ist in jedem Falle eine hohe Magazinkapazität: Man sollte mehrere Warnschüsse abfeuern können und danach immer noch mindestens zwei Schuss Reserve für den Ernstfall haben. Insofern sind mindestens fünf Schuss Magazinkapazität anzustreben. Dies schließt bereits eine Menge Gewehrtypen aus: Zu Jagdzwecken verbreitete Zwillinge und Drillinge oder gar einschüssige Waffen sind für unseren Zweck - Abschrecken durch möglichst viele Warnschussmöglichkeiten plus Reserve für den Notfall - uninteressant.

Besonders günstig sind Gewehre, die sich zusätzlich zur großen Magazinkapazität noch rasch nachladen lassen, z.B. durch ein von unten oder von der Seite auswechselbares Magazin oder indem man, während die Waffe schussbereit ist, das Magazin gleichzeitig nachladen kann. Diese Forderungen werden von einigen Repetierbüchsen, halbautomatischen Büchsen und Flinten mit auswechselbarem Magazin, Pumpflinten und Unterhebelrepetierern erfüllt. Bei den beiden Letzteren lassen sich, während die Waffe schussbereit ist, neue Patronen sehr einfach und schnell ins Röhrenmagazin einführen, was die geringere Magazinkapazität von ca. 4 Patronen (Großkaliber) bei Unterhebelrepetierern einigermaßen ausgleicht.

Weiterhin wünschenswert ist eine möglichst rasche und sichere Handhabung. Hier liegt meiner Meinung nach die Pumpflinte (Amtsdeutsch: Vorderschaftrepetierflinte, im englisch-amerikanischen Sprachraum: Pumpgun oder Anti-riot-gun) eindeutig vorn, bei der Hochreißen und Fertigladen mit entsprechender Übung in einer schnellen, flüssigen Bewegung erfolgen können. Das Repetieren zum nächsten Schuss geht mit einer Pumpflinte ebenfalls schneller als mit allen anderen Gewehrtypen außer Halbautomaten.

Für diesen Waffentyp spricht ferner Robustheit, die Verfügbarkeit unempfindlicher Modelle aus rostfreiem Stahl und Kunststoff mit bis zu acht Schuss Magazinkapazität plus Auffüllmöglichkeit des Magazins in schussbereitem Zustand, eine breite Munitionspalette von billigem Schrot fürs Schießtraining über Signalmunition bis zum im Notfall effizienten Flintenlaufgeschoss - eine ideale Waffe, auch bei rauer Behandlung und Nässe, angenehm leicht und handlich auch in kleinen Zelten.
Bis vor einigen Jahren war es sogar möglich, den Kolben durch einen Pistolengriff zu ersetzen und damit die Waffe noch handlicher zu machen, da gerade der Kolben beim Wandern oft hinderlich ist. Diese Version erfordert natürlich spezielle Übung und kräftigere Hände, der Verlust an Präzision ist auf kurze Notwehrdistanz hingegen durchaus akzeptabel. Leider sind Pistolengriffe an Gewehren mittlerweile in Spitzbergen verboten.

Halbautomaten: Genauso schnell wie übliche Repetiergewehre bis zum ersten Schuss, danach aber im Nachladen unschlagbar schnell (da automatisch) sind halbautomatische Büchsen, bei denen zwar jeder Schuss einzeln mit dem Abzug ausgelöst wird (also kein Dauerfeuer), aber die nächste Patrone automatisch aus dem Magazin nachgeladen wird. 
Ich besitze eine Valmet ?Petra? bzw. ?Hunter? auf deutscher Waffenbesitzkarte, die ich mir 1987 für meine zweite, damals noch rein private Spitzbergentour für ca. DM 1.500 kaufte und die ein bei schussbereit fertig geladener Waffe austauschbares Steckmagazin hat. Diese Halbautomaten dürfen in Deutschland nur mit zweischüssigem Magazin verwendet werden, für viele Modelle können aber als Sonderzubehör z.B. für Spitzbergen auch größere Steckmagazine mit zehn oder gar bis zu 30 (für Spitzbergen übertrieben und unhandlich) Patronen gekauft werden.
Halbautomaten sind auf dem deutschen Waffenmarkt nur in sehr wenigen Modellen zu finden, wobei man in der Regel zuerst auf die sicher hervorragende, aber teure Heckler & Koch HK SL7 (Kaliber .308, Gewicht leer ca. 3,8 kg, ca. € 1.500) stößt. Mit etwas Geschick lassen sich aber auch andere legal erwerbbare Hersteller und Modelle finden, von der Browning BAR II (Magazin austauschbar, Kaliber .308 oder .30-06, leer 3,4 kg, ca. € 1.200) bis hin zum gebrauchten und günstigen Garand M1 der US Army. Halbautomaten sind zur Notwehr aufgrund ihres sehr schnellen Nachladens und der teilweise möglichen großen Magazinkapazität attraktiv. Schnelligkeit und Kapazität gleichen den Nachteil aus, dass es diese Waffen höchstens im Kaliber .308 bzw. .30-06 gibt. 
Generell sind Halbautomaten schwerer und etwas komplexere Geräte - und folglich etwas störungsanfälliger bzw. pflegebedürftiger, als manuelle Repetiergewehre. Das gilt auch für halbautomatische Pumpflinten. Die hauptsächliche Verwendung von Halb- und Vollautomaten liegt eher im Militär- und Polizeibereich, wo in der Regel mehrere Schützen zusammen eine entsprechende Feuerkraft in bestimmten Situationen haben müssen (wenn einer davon ausnahmsweise Probleme mit der Waffe bekommt, ist das dann eher akzeptabel) oder/und wo die Waffen besser gepflegt werden können, als während einer mehrtägigen Wildnistour. Insofern ist ein Halbautomat vielleicht nicht die allererste Wahl für eine optimale Notfallwaffe gegen Eisbären für längere anspruchsvolle Geländeeinsätze.
Beachten Sie, dass einige im Ausland erhältliche Halbautomaten in Deutschland wegen ihrer Ähnlichkeit zu aktuellen Kriegswaffen verboten sind.

Unterhebelrepetierer: Etwas Besonderes ist der Unterhebelrepetierer von Marlin im Kaliber .444 oder .480 mit fünfschüssigem Magazin, das aufgefüllt werden kann, während die Waffe schussbereit ist. Im Gegensatz zu anderen Unterhebelrepetierern, die zwar ebenfalls schnell in der Handhabung, aber nur mit energieschwacher Revolvermunition ladbar sind, sind die stärksten Marlins in den Großkalibern .444 und 45-70 oder .480 sehr zweckmäßige Waffen gegen Eisbären, die ich auch selbst in meinem Bestand auf Spitzbergen habe.

 

Leider sind fast alle Waffen, die wir auf Spitzbergen sehen, für den jagdlichen Einsatz gebaut, wo Töten das Ziel ist und folglich 4 bis 5 Schuss im Magazin völlig ausreichend sein sollten. Übersehen wird bei der Waffenwahl im Hinblick auf Eisbären auf Spitzbergen meist offenbar, dass hier das Töten gerade nicht das Ziel ist, sondern nur der letzte Ausweg. Daher sind hier Waffen mit nur 4 bis 5 Schuss Kapazität ohne sehr rasche Nachlademöglichkeit eigentlich fehl am Platz.

Unser eigener Waffenbestand:
Wir verwenden
seit Jahren als Pumpflinte das Modell Mossberg ?Mariner? (rostfrei, Magazin achtschüssig (Kaliber 12/70) bzw. siebenschüssig (Kaliber 12/76)), Leergewicht ca. 3,2 kg, Preis ca. € 500 als die Standardwaffe unserer Tourenbegleiter im Sommer.
Alternativ kommen bei uns teilweise auch Unterhebelrepetierer von Marlin in Großkalibern zum Einsatz - auch hier gibt es rostfreie Modelle mit relativ kurzem Lauf, die damit unterwegs entsprechend wenig hinderlich sind.
Schließlich habe ich noch eine halbautomatische Büchse in .308 (Valmet Petra), die ich allerdings eher für kürzere Touren verwende, wo die Verschmutzungs- und Vereisungsgefahr geringer ist.

Schon zweimal hätten wir einen Eisbären erschießen müssen, wenn unsere Tourenbetreuer nicht mit schnell und sicher nachladbaren Waffen mit reichlich Magazinkapazität ausgerüstet gewesen wären. In beiden Fällen waren 7 (!) Warnschüsse erforderlich, zum Schluss auf nur noch wenige Meter Distanz, um die sich immer weiter nähernden Bären zum Abdrehen zu bewegen. Mit einer der leider weit verbreiteten ?normalen? Repetierbüchsen mit 4 bis 5 Patronen Magazinkapazität hätten die Tourenbetreuer spätestens nach 3 Warnschüssen keine andere Wahl gehabt, als den jeweiligen Bären zu erschießen (wofür auf so kurze Distanz ja auch mindestens 2 Schuss vorhanden sein sollten), denn niemand wird bei einem sich auf wenige Meter nähernden Bären das Risiko eingehen, ein Magazin zu wechseln oder gar den Verschluss zurückzuziehen, um Patronen in ein innen liegendes Magazin stecken zu können, denn das bedeutet eventuell zu lange Augenblicke, in denen die Waffe nicht einsetzbar ist bzw. (bei Wechselmagazin) nur eine Patrone im Lauf zur Verfügung hat.

Genauso wird wohl niemand so nah am Bären das Gewehr weglegen, um zu versuchen, ihn mit Knallgranaten, Signalgeschossen, o.?. zu vertreiben. Geeignete Pumpflinten und Unterhebelrepetierbüchsen (?lever action?) hingegen haben nicht nur eine mindestens genauso große Magazinkapazität, sondern es können jederzeit durch eine zusätzliche Ladeöffnung neue Patronen einzeln nach Bedarf ins Magazin geschoben werden (einhändig, aus der Hosentasche ins Gewehr), ohne dass dabei auf die Einsatzfähigkeit der Waffe und ihre Magazinkapazität für mehrere Sekunden verzichtet werden muss. Was hier auf den ersten Blick wie überzogene Feinheiten klingen mag, ist schlicht eine Überlebensfrage für den Bären. Für jagdliche Zwecke reichen 4 bis 5 Schuss Magazinkapazität aus, für Konfrontationen auf Spitzbergen, wo der Bär möglichst ja gerade nicht erschossen werden, sondern jede denkbare Chance bekommen soll, hingegen nicht. Hier muss das Motto ganz klar heißen: ?Tierschutz durch reichlich Sicherheitsreserve?.

 

Für längere Trekking- und Paddeltouren mit viel Wasserberührung (auch Wasserdampf) ist auf alle Fälle eine Waffe aus rostfreiem Stahl anzuraten, um den täglichen Pflegeaufwand weitgehend umgehen zu können. Besonders geeignet sind hier Pumpflinten aufgrund ihrer auch im engen Zelt praktischen geringen Länge.

Kosten, Billigangebote: Aus diesen Ausführungen ergibt sich, dass man für eine Waffe, die für größere Geländetouren auf Spitzbergen zweckmäßig ist, mit € 500 bis 2.000 rechnen sollte. Auf dem Waffenmarkt finden sich zwar immer wieder verlockende Billigangebote, manchmal schon ab € 100, in der Regel aus aufgelösten Armeebeständen, gegen die ich jedoch ein erhebliches Misstrauen entwickelt habe, da bei vielen dieser Billigwaffen eine einwandfreie Funktion nicht mehr gegeben ist, vom Vermeiden unnötiger Abschüsse durch mangelnde Zweckmäßigkeit der Waffe (> oben) ganz zu schweigen. Leider habe ich auf Spitzbergen mehrfach Leute getroffen, die solche Sonderangebote genutzt hatten und sich dann auf Spitzbergen, nachdem sie häufige Ladehemmungen feststellen mussten, damit nicht allzu wohl fühlten. Das mag für einen Sammler oder für einen Sportschützenanfänger auf dem Schießstand nebensächlich sein, und deshalb haben diese Billigangebote durchaus ihre Berechtigung. Auf Spitzbergen aber, wo die Waffe wirklich entscheidend sein kann, sind ausgeleierte Schießprügel meiner Ansicht nach völlig fehl am Platze. Man hat das Gewehr schließlich nicht als Visum für den Einlass nach Spitzbergen dabei oder als sportliches Zusatzgewicht im Rucksack, sondern als Sicherheitsgerät, das zuverlässig sein muss (wozu allerdings auch die Pflege gehört!). Ein weiterer Minuspunkt solcher Altwaffen ist ihr in der Regel hohes Gewicht und ihre Länge, die sie unterwegs und speziell im kleinen Zelt unhandlich machen.

Ungeeignet sind also für den normalen Besucher alle Faustfeuerwaffen sowie ein- bis dreischüssige Gewehre und Gewehre mit Kalibern unter .308 sowie Munition unter ca. 2.900 Joule und Schrot.

Wintereinsatz: Besonders wichtig im Winter ist das Vermeiden von Temperaturschocks: Auf der kalten Waffe kann sich im wärmeren Zelt leicht Kondenswasser auf den kalten Oberflächen bilden, das dann sofort oder nach erneutem Verlassen des Zeltes zu Eis wird - die Mechanik friert ein, oder bei einem Schuss mit Eis im Lauf kann es zu ?Aufbauchungen?, Explosionen des Laufes mit gefährlichen Splittern, kommen.

Abdichten gegen Schnee und Dreck: Es ist sinnvoll, Laufmündung, Hülsenauswurf, Ladeöffnung, etc. mit Klebeband abzudichten, damit hier im Geländeeinsatz kein Treibschnee (der eventuell zu Eis wird) oder Dreck eindringen kann - aber so, daß Hülsenauswurf und Ladeöffnung mit einem raschen Griff auch wieder vom Klebeband befreit werden können (Abreißlasche), wenn es zum Einsatz kommt.

 

Training

Einzelne Besucher Spitzbergens kommen zwar mit einem angemessenen Gewehr, haben aber im Extremfall noch nie einen Schuss damit abgefeuert oder sich lediglich einmal auf dem Schießstand einweisen lassen, ein paar Probeschüsse inklusive, und verlassen sich auf ehemalige Schießübungen beim Militär.

Hier hat das mitgeführte Gewehr vor allem psychologische Bedeutung (Selbsttäuschung) und sportlichen Trainingswert, zumal am Rucksack festgebunden oder gar darin verpackt. Mancher, dem man im Gelände begegnet, hat ganz offensichtlich nie versucht, seine Waffe bei der von ihm praktizierten Trageweise in ca. zwei Sekunden fertig zu laden und in Anschlag zu bringen.

Im Notfall, unter erheblichem psychischem Druck, hat ein Ungeübter nur geringe Chancen, die Waffe richtig und angemessen einzusetzen. Sofern er sich dessen bewusst ist, wird er möglicherweise zu früh schießen, wenn noch lange nicht von Notwehr die Rede sein kann, und auf diese Weise ohne Not eines dieser mächtigen Tiere töten.

Wer nach Spitzbergen reisen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass zum Mitführen einer Schusswaffe auch die Vertrautheit mit ihr gehört, wozu Übung nötig ist. Der nächstliegendste Weg dürfte die Mitgliedschaft und das Training in einem Schützenverein sein, wodurch neben anderen Vorteilen (geringere Kosten für Trainingsmunition und Schießstandnutzung) auch die Voraussetzungen zum Erwerb einer Waffe leichter zu erlangen sind. Sinn macht dieses Training vor allem, wenn man dort mit denselben Waffen übt, die man auch in Spitzbergen benutzt.

Waffenbesitzkarte

Sofern man nicht bereits einen Jagdschein und somit das Recht zum Erwerb von Langwaffen und zwei Kurzwaffen hat, ist in Deutschland zum Kauf eines Gewehres und der zugehörigen Munition zur Mitnahme nach Spitzbergen zumindest eine grüne Waffenbesitzkarte mit Munitionserwerbsschein erforderlich.

Hierfür sind drei Voraussetzungen zu erfüllen: Bedürfnis, Sachkunde und Praxis im Umgang mit der Waffe. Die Reise nach Spitzbergen wird von den meisten Ordnungsämtern, Bezirksämtern bzw. der Bezirksregierung (zuständig ist jeweils das Amt am Ort der überwiegenden Lebensinteressen, bei Studenten beispielsweise also der Studienort, ansonsten jedoch wohl meist der erste Wohnsitz) als zumindest befristetes Bedürfnis anerkannt. Bei Erfüllung der anderen beiden Bedingungen kann also eine befristete Waffenbesitzkarte für die Zeit der Reise, eine angemessene Zeit vorher (Kauf, Training) und hinterher (Verkauf der Waffe) ausgestellt werden.  

Die Sachkunde wird in einer schriftlichen Prüfung nachgewiesen, die durch den Verein oder auch das Ordnungsamt selbst abgenommen wird. Hier werden ziemlich genaue Kenntnisse aus den Gebieten Waffenkunde, Waffenrecht und Sicherheitsbestimmungen abgefragt. Gute Schützenvereine legen hierbei ähnlich hohe Maßstäbe an wie das Ordnungsamt selbst, um nicht in Verruf zu geraten. Wer sich ausführlich vorbereitet (es gibt hierzu in Jagd- und Waffengeschäften recht brauchbare Literatur), schafft den Test; Wiederholungen sind möglich.  

Schließlich muss man noch die Praxis nachweisen, etwa durch eine entsprechende Bescheinigung eines Schützenvereins. Die meisten Vereine stellen, um nicht missbraucht zu werden, eine solche Bescheinigung erst nach einiger Zeit, beispielsweise einem halben Jahr aktiver Mitgliedschaft mit regelmäßigem Training, aus. Zweckmäßigerweise sollte man sich einen der (allerdings dünn gesäten) Großkalibervereine suchen, in dem mit Waffen geschossen wird, die mit dem angestrebten Gewehr vergleichbar sind.

Zur Vorbereitung gehört auch das Durchdenken und Vorbereiten realistischer Verhältnisse: Wie schnell kommt man im engen Tunnelzelt mit einem womöglich über 1 m langen Gewehr zurecht, wenn überraschend nachts der Verdacht aufkommt, einen Bär im Lager zu haben? Beherrscht man das rasche Beseitigen von Funktionshemmungen? Wie trage ich das Gewehr über längere Strecken so, daß ich es bei Bedarf rasch zur Verfügung habe (gelegentlich sehe ich in Spitzbergen Wanderer mit sorgfältig im Rucksack eingeschnürter Waffe - da möchte ich am liebsten "Eisbär" rufen und dann die Sekunden zählen) ?

 

Kosten

Der Kauf eines Gewehres verursacht an Gebühren für Waffenbesitzkarte, Sachkundeprüfung, polizeiliches Führungszeugnis und die verschiedenen erforderlichen Eintragungen einschließlich Munitionserwerbsberechtigung ca. € 100 an das Ordnungsamt. Bei einem angenommenen Preis der Waffe von € 500, etwa € 80 für Zubehör (Futteral, Reinigungsgerät, Waffenöl) und rund € 40 für 20 Schuss Jagdmunition (z.B. Hohlspitzgeschosse, die einfache Vollmantelmunition ist nicht wirkungsvoll genug) belaufen sich die Kosten insgesamt auf etwa € 700 (bei guten Waffen auch deutlich mehr), hinzu kommen die Vereinsbeiträge und die billigere Übungsmunition, zusammen auch noch einmal ca. € 100. Ein Teil davon kommt nach der Reise durch den Verkauf der Waffe wieder herein. Sofern man hierfür keinen anderen Interessenten hat, sollte man bereits beim Kauf mit dem Händler den späteren Rückkauf vereinbaren, normalerweise zum halben Verkaufspreis, sofern die Waffe unterwegs keine erkennbaren Schäden erlitten hat. Der Verkauf wird in der Waffenbesitzkarte vermerkt, die dann dem Ordnungsamt zurückzugeben ist. Ein Verlust der Waffe kann unangenehme Folgen haben.

Insgesamt ergeben sich so bei unserem Beispiel mit einer Pumpflinte netto ca. € 800 durch die Waffe verursachte Reisekosten. Es gibt also für den Privatmann im Prinzip keine unüberwindlichen Hürden, sich für eine Spitzbergenreise mit einer angemessenen Schusswaffe auszurüsten. Man muss sich lediglich frühzeitig nach einem geeigneten Verein umsehen. Da die sorgfältige Vorbereitung einer Individualreise nach Spitzbergen sich sowieso in der Regel angesichts der Vielzahl von zu regelnden Dingen über ein gutes Jahr erstreckt, fällt der zum Erwerb der Schusswaffe erforderliche Aufwand zeitlich nicht sonderlich ins Gewicht.

 

Mieten der Waffe

Angesichts der eventuellen Auslegungswillkür der deutschen Bürokratie liegt die Idee nahe, eine Waffe in Norwegen oder gar auf Spitzbergen zu mieten, was aber normalerweise keine gute Lösung ist. So ist es manchmal zu den üblichen Reisezeiten (Ostern, Pfingsten, Sommer) schwer, überhaupt eine Waffe zu bekommen.

Aus meiner Sicht kommt dies seriös nur in wenigen Fällen in Frage. Zunächst handelt es sich bei dem begrenzten Mietwaffenangebot auf Spitzbergen ausschließlich um - im besseren Fall - normale Jagdbüchsen oder Wehrmacht-Karabiner mit 4 bis 5 Schuss Magazinkapazität im Mindestkaliber .308 oder 30-06. Weder hinsichtlich Kaliber noch Magazinkapazität, rascher Nachladbarkeit oder möglichst geringer Länge (rasches Handeln im engen Zelt!) passen diese Waffen gut zu den zuvor beschriebenen Bedürfnissen. Sinn machen solche Waffen am ehesten noch bei ?risikoarmen? Aktivitäten: als Teilnehmer einer Motorschlittengruppe, als Forscher mit kleinen Aktivitäten im übersichtlichen nahen Gelände und in einer soliden Hütte schlafend o.ä. - also Situationen, in denen eine Schnelligkeit erfordernde Überraschung durch einen Bären aus nächster Distanz unwahrscheinlich ist. Ganz anders sieht dies aus, wenn man mehrere Tage drau?en in der Wildnis zu Fuß unterwegs ist und im rucksacktauglichen engen Zelt schläft.

Außerdem ist die Qualität der Mietwaffen teilweise zweifelhaft, was kein böser Wille ist, sondern an der Erfahrung der Vermieter liegt, dass eine gute Waffe bei der Rückgabe nach einer längeren Geländetour mit einem Waffenlaien in der Regel nicht mehr gut ist - daher lohnen sich für den Vermieter gute Waffen nicht und das Mietgeschäft ist insgesamt sowieso begrenzt, da ernsthaftere Interessenten lieber eine eigene Waffe haben.

Und schließlich wird mit der Waffe keine oder nur eine sehr begrenzte Munitionsmenge (z.B. fünf bis zehn Schuss) ?mitvermietet?, die hinterher wieder zurückzugeben ist. Die Anforderungen Ihrer Tour zu beurteilen, ist nicht Sache des Vermieters, und niemand wird Sie hindern, eine Waffe zu mieten (soweit Sie die behördlichen Voraussetzungen erfüllen > Seite 240/241 Spitzbergen Handbuch), auch wenn diese in Ihrem Fall nur Scheinsicherheit bieten sollte.

Aus meiner Sicht ist das Mieten einer Waffe angesichts der angebotenen Arten von Waffen nur dann angemessen, wenn alle folgenden Punkte zutreffen:
• Der Mieter hat mit dem gemieteten Waffentyp (nicht mit irgendeinem Militärgewehr, Luftgewehr etc.) schon vor der Spitzbergenreise geübt, sodass er die Handhabung schnell beherrscht.
• Die geplanten Aktivitäten beinhalten nur selten Situationen in der Wildnis, in denen es zu einer gefährlichen Begegnung kommen könnte (z.B. regelmäßig begangenes, begrenztes, übersichtliches Gelände, in dem ein Bär frühzeitig auffällt und wahrscheinlich schon von anderen entdeckt worden wäre, oder Tagestour mit mehreren Motorschlitten, vor deren Lärm Bären Abstand halten).
• Eine der Hauptgefahren, enges Zelt mit sperrigem Gewehr und Bär unbemerkt schon sehr nah am oder im Lager, trifft auf die geplante Aktivität nicht zu (z.B. weil Nächte in Forschungsbasis, geschlossenem Boot etc.). 

In allen anderen Fällen ist das Mitbringen eines dem Einsatzzweck besser entsprechenden eigenen Gewehres sowie entsprechendes vorhergehendes Training dringend anzuraten - im Interesse der eigenen Sicherheit und auch zur Vermeidung unnötiger Abschüsse.

Eisbären sind ein Teil der Realität Spitzbergens, auf die sich der Besucher genauso seriös vorbereiten sollte, wie auf die anderen Aspekte einer solch außergewöhnlichen Reise in eine ungewöhnliche Region. Auffälligerweise findet sich der größte Leichtsinn und das größte Selbstvertrauen meist unter jenen, die mit Schusswaffen vorher über die Jahrmarkt-Schießbude und Westernfilme hinaus wenig zu tun hatten, während z.B. unsere Tourenbetreuer schon von sich aus darauf drängen, öfter üben zu können, weil sie die Bedeutung guter Waffen und die Vertrautheit damit in der Praxis erleben. Den geborenen Schützen gibt es nur als Sternzeichen.


Letzte Änderung: 12.09.2009